Der Columnier: Leitlinien für den öffentlichen Diskurs

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Liebe Debattennehmer und -nehmer!

An diesen Tagen schießen die Meinungen ins Kraut wie Bauern, die sich Borkenkäfern erwehren. Dies ist zu begrüßen, denn Meinungen sind das Salz in der Suppe der Demokratie. Mehr Salz macht Durst auf mehr Suppe. Die versalzene Suppe zieht dann die Notwendigkeit nach sich, noch mehr zu schlucken usw.
Auch geht es völlig in Ordnung, dass wir gerade nicht darüber diskutieren, was wir gegen Nazis tun können, sondern darüber, ob wir Nazihorden Nazihorden nennen dürfen, bloß weil es sich bei den Nazihorden um Nazihorden handelt!
Damit es uns gelingt, liebe Journalistenkollegen, den Ball flach auf dem Boden der Tatsachen zu halten, das niedrige Diskursniveau zu verstetigen, habe ich mir erlaubt, Leitlinien zu formulieren. Die sollen uns alle, auch Sie, liebe Meinungskonsumenten, nachhaltig vor kognitiver Überlastung schützen. Schließlich benötigen wir all unsere intellektuellen Kapazitäten, um in unseren Jobs zu funktionieren und das Hamsterrad in Schwung zu halten.

Ihr Columnier

 

  1. Die Debatte muss rund sein. Eine Debatte, die darauf ausgelegt ist, etwas aus zu diskutieren, schaufelt sich ihr eigenes Grab. Ein zirkulärer Diskurs dagegen kann immer weitergehen. Das Perpetuum mobile, das die Physik nie zustande gebracht hat, hier kann es Wirklichkeit werden.
  2. Der Weg ist das Ziel. Eine Debatte, die sich nicht dem Diktat des Erkenntnisgewinns unterwirft, lässt alle Teilnehmer des Meinungsbattles zu 100% recht haben. Es droht keine gegenseitige Inspiration, jeder wärmt sich gleichermaßen im Kaminfeuer des eigenen Oberstübchens. Wenn das nicht demokratisch ist.
  3. Das Offensichtliche infrage stellen, nicht das Fragliche. Fragliches steht eh schon infrage. Und niemand kann am Ende einer Diskussion objektiv entscheiden, wer richtig liegt. Lieber streitet man über Fakten, damit versorgt man auch die Satiriker. Fakt.
  4. Bekanntes ist besser als Neues. Ob im Kino oder im Polit-Talk, wer möchte schon unbekannte Gesichter sehen? Bei unbekannten Köpfen drohen unbekannte Argumente. Der durchökonomisierte Journalismus unserer Tage erlaubt es gar nicht, neue Argumente herzustellen.
  5. Mutter der Debatte: vereinfachen. In einer überkomplexen Realität kommt es darauf an, Dinge zuzuspitzen, zu vereinfachen und zu banalisieren.  Allem nur eine Ursache zuschreiben, den Urknall, die Migration oder den Umstand, dass wir Beine haben, die uns mobil machen, animiert andere zum Mitdiskutieren. Und es ebnet den Weg für klar definierte Interventionen, z.B. ein allgemeines Messerverbot.  Stichwort wiederum: Suppe löffeln.
  6. Moral ist verboten. Moralisch zu argumentieren ist unredlich. Denn für den einen geht es bei Moral um das Wohl der Menschen, für den anderen um die Freiheit, Menschen für seinen persönlichen Reichtum schuften zu lassen. Für den dritten ist unmoralisch das neue moralisch. Und wer entscheidet darüber, ob es z.B. moralisch ist, die Zivilisation zu verteidigen? Und selbst, wenn sich entscheiden ließe, was „gut“ und was „böse“ ist: Ohne das Böse gäbe es das Gute nicht!