Der Columnier: pro Elitewahlrecht! (mit kontra)

edelmann
Liebes Stimmvieh!

Die Gleichverteilung des Wahlrechts auf Sie alle war historisch der Fehlversuch, die Wüste mit der Gießkanne zu benetzen. Doch wie die stinkende Muschel eine Perle enthält jedes Wahlergebnis auch etwas Gutes, eine Teilmenge qualifiziert abgegebener Stimmen, die zusammen unser aller Gemeinwohl an die Macht brächten. Das Ob eines exklusiven Wahlrechts brauchen wir dabei gar nicht erst zu diskutieren, denn praktisch hat es sich ein Fünftel der Wahlberechtigten längst selbst genommen. Damit verzichten die mehrheitlich(!) bildungsskeptischen Stammwähler des Nichtwählens freiwillig und demokratisch auf Partizipation.

Jede Wahl beweist indes, daß dies nur der Einstieg in den Ausstieg aus dem allgemeinen Stimmrecht sein kann. Politiker müssen künftig von Wahlaufrufen absehen, stattdessen an die Einsicht in die Unentschlossenheit appellieren. Denn die vielen, die kurz vor einer Wahl noch immer nicht wissen, was sie wählen sollen, haben dies als natürliches Ausschlußkriterium zu begreifen. Weiteren Ausschluß müssen Testfragen zum Volkswohl-Verständnis liefern. Wer Folgendem nicht zustimmt, sollte sonntags auf den Friedhof statt an die Urne gehen:

  1. Episkokratie bezeichnet das Wahlrecht der kenntnisfähigen Elite.
  2. Episkokratie macht Wahlen billiger und den Wahlkampf ehrlicher, weil nicht mehr jeder Demokratie-Unbegabte umworben werden muss.
  3. Ich halte qua meiner Existenz die Marke homo sapiens hoch.

Faustregel zur Ermittlung der gnostischen Minderheit unter uns: Lieber ein paar Millionen zu viel ausschließen und dafür mediale Fausthiebe einstecken, als ein Dutzend Frustwähler den Willen des Kernvolks verwässern lassen.

Wer Chancen hat dabeizusein, hat beim Lesen bemerkt: Dieses Verfahren castet eine Premiumbürger-Elite, deren Größe gegen eins konvergiert. Damit können wir gleich den optimalen Königsmacher unter uns identifizieren! Und da sich jeder selbst der nächste ist, sogar den König selbst. Dies darf aber nicht als Votum gegen die Demokratie mißverstanden werden! Demokratie  findet nämlich längst auf der Ebene des Individuums statt. Wer von uns kommt noch mit einer einzigen Meinung zu einem Thema aus? Jedes Sujet hat so viele zwischen Idealismus und Gesetzesverhau versteckte Ebenen, daß man unmöglich sagen kann: so oder so! Ich zum Beispiel denke über Demokratie: ja, wenn das Volk recht hat; nein, wenn es mich tangiert; egal, wenn mich eine Entscheidung nicht betrifft; nein bei Wahlen (Geldverschwendung). Ergebnis: 2 zu 1 bei einer Enthaltung gegen die gleichmacherische Demokratie!

Dieses Episkokratie-Verfahren habe ich mir ausgedacht, womit ich die besten Voraussetzungen habe, es selbst zu gewinnen. Andererseits: ein Volk, das es zuließe, von mir beherrscht zu werden, möchte ich auf keinen Fall regieren!

Der Columnier

 

Gegendarstellung!

Ticker_Niehues

Werte Wähler!

Demokratie bedeutet „Herrschaft des Volkes“, und das Volk ist bekanntlich, in seiner überwältigenden (und ja maßgeblichen) Mehrheit, launisch (Wechselwähler), stinkfaul (Wahlmüdigkeit) und schlechterletzt strunzdumm (Wahlergebnisse). Letzteres hat bereits bei den Griechen aus „dämlich“ die Volksbezeichnung „demos“ werden lassen. In den meisten westlichen Demokratien wurde später das repressive repräsentative System mit gewählten Volkverräterntretern eingeführt. Es bezieht seine Legitimation aus der ganzheitlichen Beteiligung aller Bürger – vom 18-jährigen Spätpubertierer bis zum hyperdementen Greis mit Pflegestufe 18. Jeder darf abstimmen – auch wer null Interesse an Politik hat, seine kognitiven Ressourcen schon mit Schmink-Videos und Online-Voting überbeansprucht. So erhält jeder das gute Gefühl, alle vier bis fünf Jahre irgendwie irgendwas mitzubestimmen.

Das mag etwas beliebig erscheinen, aber das System der Demokratie erweist sich als äußerst flexibel: Der oft medial fehlgebildete Wille der Mehrheit kann mißachtet werden – durch Ausschluß bestimmter Koalitionen oder die Bildung von Bananenrepublik-Bündnissen à la „Jamaika“-, „Kenia-“ oder „Küstennebel-Koalition“ (SPD, Grüne, SSW, Anonyme Alkoholiker). Ist das ungestörte Durchwurschtelnregieren dennoch durch unkoalierbare Mehrheitsverhältnisse gestört, kann gleichwohl eine Minderheitsregierung (gemäß eines besseren Volkswillens) herrschen. Die Minderheit wird so zur neuen Mehrheit (siehe Großbritannien). Und selbst wenn diese Dehnungen des Wählerwillens nicht ausreichen sollten, können Abgeordnete nach Konstituierung des Parlaments immer noch die Fahne wechseln. Doch stößt das dem Wähler nicht sauer auf, wenn er plötzlich in seinem Wahlkreisbüro einen Parteigänger Merkels statt einen AfDler antrifft? Iwo! Der überlegt es sich bei der nächsten Wahl nämlich dreimal, ob er bei denen noch sein Kreuz macht! Und wenn nicht, dann kann er sich zu Herzen nehmen, was die Wahlforscher seit Jahren über ihn, den Wähler, wissen: Er wird zunehmend unberechenbarer, seine klassische Bindungen an etablierte wie faschistoide Parteien schwindet. Aber selbst auf dieses treulose, amoralische Wahlverwalten haben die Volksvertreter längst die Antwort: weitere Flexibilität bei politischen Inhalten und Moralfragen.

Geht die Demokratie schließlich trotz all dieser in ihr implementierten Wandlungsfähigkeit doch unter, z.B. weil eine 25 Prozent-Hürde in Karlsruhe gekippt wird, oder alle Parteien daran scheitern würden, wäre dennoch sichergestellt: Die Verantwortung für das Desaster ist auf alle Schultern des Volkskörpers gleich verteilt; alle und keiner ist schuld. Diese demokratische Verantwortungsdiffusion wäre dann versöhnliche Grundlage für eine neue Volksherrschaft.

Ihr Burkhard Niehues

 

Ein Gedanke zu “Der Columnier: pro Elitewahlrecht! (mit kontra)

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