Links ist, wo Lafontaine rechts ist

portrait finger


Verwirrte Leserschaft!

Sie brauchen in der verstörenden Welt von heute Orientierung wie die Straße den Schilderwald und die Nacht den Nebel. Sonst fahren Sie nämlich an einer Rechtsabbiegerampel links vorbei und machen Ihr Kreuz bei der Wahl links- statt rechtsaußen. Darum müssen wir Journalisten wie der Kollege Stöcker Sie darüber belehren, wo Links und Rechts ist. Wir schulmeistern Sie dabei auf so wirre Weise, dass uns das Linksrechts-Thema für weitere Kolumnen auf ewig erhalten bleibt.

Dabei ist die Sache mit Links und Rechts ganz einfach. Nehmen Sie einen Kompass und legen Sie ihn so hin, dass die Nadel nach Norden zeigt. Legen Sie sich jetzt selber bäuchlings auf den Kompass und strecken beide Arme zu den Seiten aus. Die Seite, wo sich Ihr goldener Ehering am Finger befindet, ist rechts. Die nackte, arme Hand ist links.

Was ich Ihnen gerade mithilfe moderner Navigationstechnologie erklärt habe, überträgt sich auf die Politik wie meine Gedanken in Ihr Gehirn. Allerdings mit ganz anderer Aussage: Links und Rechts sind gleich, denn ob wir von Autonomen oder Nazis mit Pflastersteinen bedacht werden, kann uns Steinenehmern egal sein, sobald unser Kopf kaputt ist. Fast drei Jahrzehnte Neoliberalismus stellen heute sicher, dass wir Links nicht mehr als Solidarität mit den Armen und Schwachen, als Freiheit des Einzelnen und das Tragen von Vollkornpullovern missverstehen müssen. Ebenso darf Rechts nicht mehr mit der Herrschaft der Stärkeren, mit Hass auf Minderheiten und dem Holocaust in Verbindung gebracht werden. Bekanntlich sind die Linken in ihrem Denken und Handeln nämlich genauso konformistisch und autoritätsfreundlich wie die Rechten, siehe Linksextremisten wie Kretschmann oder Özdemir. Vermöge dieser Einsicht kann ich für Sie den Ball das Niveau der Argumentation flach halten und auch alle Linken über einen Kamm scheren (zu Glatzen). So lässt sich gar sagen: Links ist schuld an Rechts.

Links und Rechts als Einheit zu begreifen, universelle Leserschaft, ist ganzheitliches Denken. Hitler war Nationalsozialist. Die Skala der politischen Orientierung bildet einen Kreis. Wer auf unserem Globus beharrlich nach rechts läuft, kommt irgendwann von links an denselben Ort zurück. Dorthin, wo sich Wagenknecht und Petry die Fackel reichen.

Um die Willkür der Unterscheidung zwischen Links und Rechts zu verstehen, reicht letztlich ein Blick in den Spiegel, in dem wir uns trotz vertauschter Gesichtshälften erkennen. Oder eine politische Drehung um 180 Grad. Mit der erkennen Sie: Links ist, wo Lafontaine rechts ist. Vorne ist, wo der Auspuff hinten ist. Oben ist, wo von unten Aufwind kommt – vom letzten Atemzug der am Boden Liegenden.

Es grüßt Sie von seiner wohligen Wolke herab:
Ihr Columnier

 

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