Warum Diplomatie übergriffig sein muss

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Meine einzigen besten Leser!

Heute möchte ich Sie gerne vereinnahmen, indem ich in Ihrem Namen für Sie das Wort ergreife und Ihnen mitteile: Übergriffigkeit ist gut! Wie kann man nämlich jemanden retten, der am Abgrund baumelt, ohne dass man über den Abgrund griffe? Veränderungen, die uns zu retten vermögen, müssen vom einen auf den anderen, von mir auf Sie, übergreifen, um umfassend zu wirken. Und im Kleinen kann noch nicht mal eine Hand eine andere schütteln, ohne mit den Fingern über den Rücken der anderen zu greifen.

Falls Sie dies begreifen, handliche Leser, wissen Sie (sonst glauben Sie): Der Übergriff ist die hohe Schule der Diplomatie. So wurde in diesen Tagen anhand des Themas Händeschütteln das komplette Sujet der Diplomatie medial am Schopfe gepackt (Schopfpacken stellt aber keine diplomatische Methode der Kommunikation dar). Merkel hat es vorgemacht. Sie hat Trump die Hand ausgestreckt, ohne dass dies im diplomatischen Sinne eine Handreichung gewesen wäre. (Dafür gehen bei ihr Welthungerhilfe und -förderung Hand in Hand.)

Doch gehen wir eine Handbreit zurück und fragen uns, was Diplomatie überhaupt bedeutet. Das Wort stammt von dem französischen diplomatigue, „urkundlich, durch Urkunde bestätigt“. Meint: Der Diplomatie ist schon genüge getan, wenn man den Disput zweier Ländern per offiziellem Papier dokumentiert. Bezichtigt man also Erdogan der Undiplomatie, wirft man ihm lediglich vor, dass seine verbal dargebotenen Nazivergleiche nicht von einem gleichlautenden Brief mit Siegel flankiert wurden (ein Tweet ist keine Urkunde). Andererseits haben wir Deutsche natürlich das Recht, die Gründlichkeit, mit der wir uns selbst drangsalieren, auch anderen Ländern abzunötigen.

Aber ich will mir hier nicht den kleinkarierten Schuh der begrifflichen Korinthenklauberei anziehen und mich (der Diplomatie wegen) kurz auf das kanonische Diplomatie-Verständnis als Kunst des Interessensausgleichs und der beiderseitigen Gesichtswahrung einlassen. Jedoch ist Diplomatie nach dieser Definition nur ein anderes Wort für Konfliktscheue, für Vermeidungsverhalten und den feigen Mittelweg zwischen Duckmäusertum und Heißbrei-Rhetorik. Beim Staatsbesuch wird die persönliche Geste der Ohrfeige ersetzt durch eine ungebügelte Flagge des Gastlands und schlecht geölte Blockflöten, die die Nationalhyme interpretieren. Andersherum stimmt aber auch: Wenn ein Diplomat von der Regierung seines Gastlandes einbestellt wird, stellt dies eine verschärfte Brüskierung dar: Anreise per U-Bahn, Bewirtung mit Erdnussflips und Nescafé, eine schlechte Lesung (Levithen).

Zu schlechterletzt ist „Diplomatie“ ein akademisches Abschlusssystem, das sogar in Deutschland kaum noch Anwendung findet, wo jeder lieber Bachelor oder Master wird.

So, ich muss jetzt impulsorientierte Diplomatie bei der Hotline meines Kaffeemaschinen-Anbieters einbringen. Und nach all dem diplomatischen Geplänkel dieses Texts brauche ich jetzt auch nicht mehr so zu tun, als hätte ich die Kolumne zu einem sinnvollen Ende gebracht.

Darum sendet Ihnen unausgegorene Grüße:

Ihre Exzellenz
Der Columnier

 

 

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