Idol Poschardt

posh_bearb

Lesedauer: 187 Sekunden

Meine mir gehörenden Leser!

Vorbilder geben uns in unserer chaotischen Welt Orientierung wie Nebelkerzen in finsterer Nacht. Solche Leitsternchene führen uns, räumen uns den Weg frei und nehmen uns das Denken ab. Mich als Columnier lassen sie sympathischer wirken, weil Leser wie Sie durch die Erwähnung eines Vorbilds nicht merken, dass ich tatsächlich nur mich selbst bewundere. Daher will ich Ihnen heute mein kolumnistisches Idol Ulf Poschardt, den Welt-Chef (sick!),  an die Brust werfen ans Herz legen.

So wie ich ein Leitbild für Sie bin, bescheidene Leser, ist Poschardt für mich der Leuchtturm auf dem Grund des kilometertiefen Dungbeckens unseres Weltgeschehens, das täglich von denen da oben (Petrus, Astronauten, Hitler) weiter befüllt wird. Allerdings benötigt Poschardts verbale Strahlkraft den Filter der Interpretation, um die komplette Wirkung zu versprühen. Diesen Filter will ich nun in dem Auftrag, den Sie mir qua Lektüre dieses Unsinns Elaborats erteilen, über die poschardtschen Worte stülpen, auf dass deren Essenz sich wie ein Taufilm über Ihr Neuronenfeuerfeuerchen lege.
Dazu betrachten wir exemplarisch einen Satz aus der Expertise, die er zuletzt über Globuli  Globus „Globalisierung“, „Glaskugel“ u.v.m. verfasst hat:

Am Ende eines ereignisreichen Schicksalsjahres 2016, das die alte Illusion vom Ende der Geschichte und vom flussartigen Voranschreiten des Status quo als gemächliche Angelegenheit implodieren ließ, stand ein neues Schicksalsjahr, das sich schon in den ersten Tagen als ereignisreich einführte.

Ein einziger Satz, eine Sentenz wie ein Bandwurm aus Hefe und Butter, auseinandergezogen, gedehnt, gestretcht von Substantiven, Adjektiven, sogar Verben und schließlich qua Satzzeichen zu einem Ganzen zusammen montiert. Da steckt so viel drin, liebe Leser: raumgreifende Worte, die uns den Atem nehmen und damit das Fenster unserer Aufmerksamkeit beschlagen.

Da hat zunächst im Jahre 2016 Fortuna ihren Schicksalspfeil auf uns geschleudert und damit nicht genug, es haben auch noch zahlintensive Ereignisse ihren Schatten hinter sich her gezogen. Sodass nämlich dem Fluss Füße wachsen mussten, damit dieser vom Status quo weglaufen konnte – denn sonst kein Raum für Schicksal. Es kam in der Folge zu einer nach innen gerichteten Explosion, welche jedoch sehr langsam vonstatten ging. Die Atome flogen praktisch einzeln und turbomäßig im Sekundentakt nach innen, wodurch sich das Trugbild der Illusion selbst abgeschafft hat (wie tragischerweise unser Deutschland). Doch mit 2016 war die Geschichte in Abweichung zur Erwartung nicht zu Ende! Wie auch, und hier zeigt sich der gilettescharfe Logiker Poschardt, wenn noch 2017 auf dem historischen Programm stand und steht. Ein Jahr nämlich, das sich ganz von selbst einführte. 2017 ist also aus eigener Kraft, ohne dass jemand am archimedischen Hebel zu ziehen gehabt hätte, auf 2016 gefolgt; niemand da oben musste beschließen „okay, 2016 erkläre ich für beendet und nun soll noch ein Jahr folgen, welches ich mit der Zahl 2017 benennen will“.

Ein Fluss, der voranschreitet, ruft viele Bilder in uns ab, comicerprobte Leser. Zum Beispiel einen garstigen Mann, den die schäumende Brandung eines Flusses gebiehrt, und der bis auf die Zähne bewaffnet seinem Impuls folgend auf uns zu läuft, sodass wir uns genötigt sehen, diesen Albtraum mit dem Aufwachen zu beenden.

Nachdem ich nun den Elefanten Satz in seine Atome zerlegt, diese vermessen und zu neuen Molekülen und Makrostrukturen zusammen geklebt habe, ist es an der Zeit, zu konstatieren: Es handelt sich um einen Elefanten Satz. Will sagen: 2016 wurde allein vom Schicksal geschrieben, und bereits jetzt steht fest, dass ebenfalls das ganze 2017 von dem Schicksal infiziert ist, demgemäß eine mies gelaunte Fortuna auf dem Regiestuhl hockt. Schade. Aber Schokoladenseite der Medaille: Wir können rein gar nichts dafür! Trump und Co. haben ursächlich nichts mit all den ihnen vorausgehenden Ereignissen und Figuren zu tun, welche bereits mit der Axt an der Kehle unserer Zivilisation geritzt haben. Die einzige Ursache ist die Frau, die per Inspektion der Glaskugel in den Lauf der Dinge spuckt (selbsterfüllende Prophezeiung). Frauen! (Einwortwitz) Einfache Gegenmaßnahme, zu der wir alle greifen können: eine Glasmurmel bestellen, diese täglich unter guten Gedanken streicheln und mit Klassik beschallen.

Untertänigsten Dank, mein Vorbild, Idol und Leitbild Poschi! Nun will ich aber Ihnen, haltungsschwache geneigte Leser, nach dieser Beruhigungspille noch gepfefferten Wein einschenken – in Form eines selbstkomponierten Satzes, dem Sie bis zum nächsten Mal hochprozentiges Destillat entnehmen können, was Sie wollen.

In affektaffinen Zeiten wie den diesen zeigt sich die historische Dimension der Geschichte nicht nur im Gewesenen und in der Zukunftssicherung, sondern auch im Voranschreiten des Hier und Jetzt sollte man den Affekten nicht bloß das Aufkochen gewähren, jedoch ebenso den Druck aus ihnen gen Himmel fahren lassen, damit er uns nicht von unten her auf die Füße fällt, aufdass die schnaubende Kuh ins Eisloch fallen kann.

Wer mir die korrekte Lesart schickt, muss darf sich exklusiv als Erster an der nächsten Kolumne den Kopf erhitzen.

Mit kühlem Gruß,
Ihr Columnier

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s