Sachdienliches über „Nafris“

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Liebe Anhänger der Aufregung!

Die Druckpressen im Internet laufen heiß, weil das Kölner Bullenalarmsystem (Köbulla) die Kölner Polenta „nordafrikanische Intensivtäter“ mit „Nafri“ abgekürzt hat. Grund für mich, entschleunigendes Diesel in das Feuer der allgemeinen Erregung zu gießen, um gemäß meiner Kolumnisten-Pflicht den Sachverhalt mit schiefen Bildern gerade zu rücken.

Zunächst einmal lassen Sie sich kurz gesagt sein, dass Abkürzungen ein Qualitätsmerkmal von Debatten darstellen, denn jeder weiß, dass Abkürzungen schneller zum Ziel führen – der kollektiven Blutdruck-Erhöhung (Fahrstuhl-Effekt), dem Geschnatter auf Twitter, dem Heil der völkischen Seele und der Debatte ansich, die sich so rasant um ihren Wahrheitskern dreht wie ein Wirbelsturm um sein leeres Zentrum.

Wonach nun klingt „Nafri“? Zur Aufklärung dieses frisch gezapften Grals des medialen Bedeutungshaschens möchte ich gleichermaßen die Wissenschaften von Semantik,  Phonetik, Syntaktik und Affektivismus heranziehen. In „Nafri“ stecken drin: der Afrikaner; die ihm abgetrotze Afri-Cola; das Navi, das dem Fremdenfeind in uns sagt, wo es zurück nach Afrika geht; das N für den Norden, Heimat des Ariers; und das i für igittigitt. Zusammengenommen ist „Nafri“ sowohl ein Aggro-Akronym als auch eine Abbreviation mit Sound – ein akustischer Limbotanz unter Manolo-Blahnik-Absätzen, im Abgang süßlich wie afrikanische Streichelkinder beim Staatsbesuch. In den Begriff „Nafri“ werden jedoch auch Sicherheit,  politische Korrektheit und Volksgefährdung hineininterpretiert – gerade so als, hätte die Polizei „SPKV“ getwittert!

Dabei steht das verniedlichende i an der Rückfront des Wortes für „Intensivtäter“, was, liebe streitlüsterne Leserschaft, eigentlich nur bedeutet, dass jemand seinen Job mit Leidenschaft performt ausübt. Denken Sie nur an die Nachstellungen der Bürokraten von der GEZ oder den deutschen Hauswart, der seinen Block kontrolliert und der Polizei auch Zeitgenossen meldet, die sich durch Unauffälligkeit tarnen. Und haben wir nicht schon in der Schule gelernt, dass jedes Mitglied unserer kollektiven Bruttosozialprodukt-Fabrik sein bestes geben muss, ganz egal, ob das System ihn zum Bänker, Klärwerks-Taucher oder Kleinkriminellen, zum Sanierer, Konsumierer oder Systemkritiker auserkoren hat? Ich meine ja – sofern man wie ich seine Jugend in unserem abendländisch-überlegenem Schulsystem absitzen durfte.

Beim Medium für Zeitkonsum, Die Zeit, lesen wir indes:

„Wenn ich eine Schüssel Bonbons hätte und dir sagen würde, drei davon könnten dich töten – würdest du eine Handvoll nehmen? Das ist unser Problem mit syrischen Flüchtlingen.“ Dieses Bild twitterte während des US-Wahlkampfes der Sohn des künftigen Präsidenten, Donald Trump jr.
[…]
Hätte Deutschland ein 9/11 erlebt, also einen Terroranschlag mit (entsprechend der Einwohnerzahl) tausend Toten, würde die Abwägung zwischen Risiko-Inkaufnahme und Flüchtlingsaufnahme heute nicht auch hierzulande anders diskutiert?

Auf diesen raffiniert verknoteten Argumentationsstrang möchte ich lediglich mit einem verwirrenden Gegenbild antworten: Wenn deine Schüssel Sprünge hätte und du nicht alle Tassen im Schrank, würdest du eine Handvoll Wasser aus der Schüssel trinken, auch wenn Wasser gleichzeitig Flüchtlinge im Mittelmeer ertränkt?
Nun juckt mich aber mein Geltungsdrang der Staub auf meiner Tastatur, und so schreibe ich noch dieses: Hätte Deutschland ein 9/11 erlebt, gäbe es dann überhaupt noch Porzellan in unseren Tassenschränken, welches wir kraft solch behämmerter Debatten zerschlagen könnten? Würde, und damit komme ich auf das initiale Tatütata- Polizeithema zurück, dann überhaupt noch ein Deutscher verstehen, was mit der althergebrachten Redensart „dümmer als die Polizei erlaubt“ gemeint ist? Falls ja, könnte wiederum die Polizei mit dieser Diagnose bzw. deren Trägern etwas anfangen? Summa summarum und um die Klischee- und Pauschalisierungs-Pflicht („Die Flüchtlinge“) zu erfüllen: Wäre ein tassenloses Deutschland für die rund um die Uhr teetrinkenden Intensivaraber überhaupt noch ein attraktives Ziel? Und gäbe es ganz ohne Tassen überhaupt noch Kolumnen wie diese, die Ihnen gehaltlosen Wein einschenken?

Risikoabwägung und das noch zum Schluss und Finale, liebes Lesevieh, bedeutet, sich zwischen zwei Risiken, also den Wahrscheinlichkeiten von zwei unerwünschten Ereignissen, entscheiden zu müssen. Wollen wir in diesem Fall lieber a) unsere Restwerte von Freiheit und Humanismus wegen ein paar hergelaufenen eingewanderten Jungmännern mit Testosteronüberschwang verscherbeln oder b) uns die Angst vor Terrorismus nehmen lassen, indem wir Europa zur Festung machen und die Kontinentalplatte um einen Kilometer nach oben ziehen? Oder können wir beides kombinieren – oder ganz im Gegenteil?

Verrät Ihnen beim nächsten Mal die Antwort oder auch nicht:
Ihr Columnier

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