Angst 2017

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Liebe Neuankömmlinge in 2017!

Ich heiße Sie auf das schärfste freundlichste im neuen Jahr willkommen! Sie sind sicher genau wie ich in 2017 hinein gerutscht, getorkelt, gefallen. Und jetzt beginnt Ihr Jahr ebenfalls mit Kopfschmerzen, Flashbacks von Ostblock-Böllern, Übelkeit und bittersauren Fischkonserven. Vielleicht steckt Ihnen aber auch noch Splitterholz die Angst vor all den gestern abgeschossenen Marschflugkörpern Horizontalraketen in den Eingeweiden.

Apropos Angst: Ihre Angst, liebe furchtorientierte Leser, haben Sie sich zurecht aus 2016 hinübergerettet. Denn Angst hält uns wach, Angst lässt das Kaninchen aus dem Schlund der Schlange hüpfen und uns Sie Kolumnen wie diese mit explizitem Angstcontent lesen. Deshalb nochmal in Fett- und Großschrift für fette, große Angst: ANGST !

Ihren Angsttransfer nach 2017 ermöglichte die letzte Woche letztes Jahr panisch geführte Diskussion über zurecht so genannte Gefährder. Diese Gefährder sind genau wie Sie, liebe friedvolle Mitbürger, erfolgreich ins neue Jahr versetzt worden. Wie der Name schon sagt, besteht der Lebenssinn von Gefährdern wie dem Tunesier Anus Amor* oder dem gestrigen Täter in Istanbul (über den man noch gar nichts weiß) von Geburt an darin, Gefahr herzustellen. Gefährder verkörpern die Gefahr durch Flüssigsprengstoff bereits in ihrer Blutbahn. Merke: Wer ein Gefährder ist, ist sonst gar nichts mehr! Ein Gefährder hat keine Biographie und nie in einer Gesellschaft gelebt. Die Kinder der Gefährder (per Geburt ihrerseits Gefährder) stehlen uns noch die verklebten Zuckerreste von den Goldkronen.

Leider werden Gefährder in unseren Medien einseitig negativ wahrgenommen. Dabei, liebe Freunde der Furcht,  versorgen Gefahrmenschen, lateinisch: homini periculosi, bloß Ihr Grundbedürfnis nach Angst. Angst schenkt Ihnen das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein – mittels dem Drang, Schlimmeres durch Freilassung Ihrer höchsten Impulse (präventive Todesstrafe, starker Führer) verhindern zu müssen. Experten nennen dies Empathie. Angst ist also höchst sozial, sie verbindet Sie mit Ihren Mitmenschen beim Paranoia-Talk auf der Straße. Zudem füllt sie Kolumnen Fernsehzeit, Freiraum im Internet und die Taschen der Überwachungsindustrie. Ja, unsere Furcht sorgt sogar dafür, dass wir es in diesem Life leichter haben. Jetzt werden Sie sich fragen: häää??? wie das? Ganz einfach: Die Terrorangst hilft nachhaltig, den Überschuss an  Freiheitsrechten abzubauen, der uns ohnehin bloß überfordert. Nur ein Beispiel: Wenn wir die Freiheit besitzen, Schiss vor a) einem Autounfall, b) einem Terroranschlag oder c) Rentnergangs in barrierefreien U-Bahnhöfen zu haben, wie sollen wir uns da entscheiden? Welcher Gefahr, welchem Gefährder sollen wir angesichts unserer ohnehin beschränkten limitierten Geisteskraft unsere Angst schenken?

Noch ein Wort in eigener Sache: Ich selbst habe panische Angst vor Riesenkraken, kann diese aber mangels megagroßer Oktupusse in den Süßwassertümpeln Sachsens nie ausleben. Immerhin habe ich mir als gebürtiger Bayer eine, wenn auch moderate, Höhenphobie antrainiert, welche aber in den Zwerggebirgen Dunkeldeutschlands (auch bei Nachtwanderungen) kaum die nötige Fallhöhe erreicht Aussicht auf Erfolg hat. Phobische Menschen wie ich werden oft despektierlich als „Schisser“ diskriminiert. Dabei lobt dieses Attribut in Wahrheit sein Objekt für die gesunde Ausscheidung Verdauung. Wenn ich nach der Morgentoilette mit dem einen oder anderen Promille Restalkohol in den Spiegel schaue, fürchte ich mich vor mir selbst („narzisstische Angst“). Allgemein betrachtet fürchtet sich jeder vor irgendetwas. Wer dennoch vor überhaupt nichts Angst hat, kann wenigstens Angst vor dem Angsthaben haben („Metaangst“).

Wenn diese meine Ausführungen das Wort Angst bei Ihnen, liebes Lesevieh, jetzt immer noch nicht zu hundert Prozent positiv konnotiert haben, lassen Sie sich hinter die Ohren schreiben sagen: „German Angst“ ist eine Weltmarke! Angst verbindet. Angst wird (anders als Essen und Vermögen) größer, wenn man sie mit anderen teilt. Angst stiftet sinnstiftende Feindschaften. Angst vermeidet sog. Vernunft als Maxime des Handels – ein Ansatz, der Ihre knappen Kognitions-Ressourcen übermäßig herausfordern und Ihnen den Spaß am Zähneklappern verleiden würde.

So! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein fürchterliches schlottriges 2017 !
Ihr Columnier

*  und jedem, in dem sich Spuren von Ausland befinden, oder der irgendein Ihnen unbekanntes äußeres oder Verhaltensmerkmal hat

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