„Meine Angst lass‘ ich mir nicht nehmen!“ Herausforderungen für die Psychotherapie in Sachsen

Sächsische Psychotherapeuten müssen nicht nur die Angststörungen ihrer Klienten behandeln. Sie müssen auch die Betroffenen davon überzeugen, dass sie ihnen mit der Angst nichts wegnehmen wollen.

Die sächsischen Therapiepraxen haben wahrlich keinen Grund, über mangelnde Arbeit zu jammern. Klienten, die zum Erstgespräch kommen, klagen über depressive Verstimmung angesichts einer von Ausländern dominierten Weltlage, über Angst vor Fremden, Angst, zu kurz zu kommen, Angst vor der verletzenden Nazikeule und Fernsehkameras. Dazu kommt oft die therapeutenseits als „narzisstisch“ interpretierte Diskriminierung, wenn sie in ihrem linksextremen Arbeitsumfeld, etwa an einer Universität, wegen immigrierten „Gastwissenschaftlern“ gegenüber geäußerten Ausländerskepsis zum Personalrat zitiert werden. Die psychologische Psychotherapeutin Doreen O. berichtet: „Mich konsultieren die Menschen, sobald sie aufgrund ihrer Störung demoralisiert sind. Der junge Kerl, dem die Anerkennung versagt bleibt, weil seine rassistischen Posts gelöscht werden, ehe sie ein breites Publikum erreichen. Der Bär von einem Mann, der von seinen Kindern wegen seiner Angst vor unterdrückten Kopftuchmuslima verspottet wird. Oder der Spitzenbeamte beim Verfassungsschutz, der aufgrund seines Hobbys, Moscheebesucher zur Rede zu stellen, Nachteile im Beruf fürchtet.“ Auf Doreens Praxisschild steht „systemische Psychotherapeutin“. Sie erhält besonders viele Anfragen, weil die Patienten sich von ihr Bestätigung in der Ablehnung des Systems der Demokratie erhoffen. Dennoch behandelt Doreen ohne Vorbehalte: „Ob ich eine Person sympathisch finde, ist irrelevant. Die Professionalität gebietet es mir, jeden Menschen der bestmöglichen Behandlung zuzuführen.“ Doch oft versperren die Hilfebedürftigen selbst den Zugang zu ihren Problemen: „Viele Patienten haben panische Angst vor der Therapie. Sie vermeiden schon alles, was mit dem bloßen Ablauf der Behandlung zu tun hat, angefangen von der Terminplanung . Sie hören mir bereits am Telefon nicht zu!“

Auch andere Therapieeinrichtungen, mit denen wir gesprochen haben, räumen ein, dass sie oft therapeutisch gar nicht an das die Störung aufrechterhaltende Vermeiden der eigentlichen Angst herankommen. Ja, die Patienten widersetzten sich jeglichen Versuchen, sich ihre Phobien nehmen zu lassen. Nach dem Motto „meine Angst gehört mir!“ wird die dahinter stehende Verlustangst auf alles angewendet. Sogar auf die Ängste, die es loszuwerden gilt. Einige Leipziger Ambulanzen verfolgen den Ansatz, zunächst mit ihren Patienten über das Symdrom der „Logorrhoe“, den auch „Polyphrasie“ genannten Wunsch, sich durch Sprechen mitzuteilen, zu reden. Dabei kommt in der Praxis schon mal ein Megaphon zum Einsatz.

Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass in einigen Fällen die Therapie von Sachsen gelingt. Nochmal Doreen O.: „Eine Patientin bekam Angst vor der eigenen Courage, weil sie auf der Straße von Unbekannten wegen ihres öffentlichen Engagements gegen Araberkinder in Freibädern gelobt wurde. Bei der Angstexposition musste sie aushalten, dass fremde Menschen ihr auf dem Dresdner Altmarkt auf die Schulter klopftten. Die Angst hat sich nach einigen Minuten gelegt, als sie gemerkt hat, dass die Menschen es gut mir ihr meinten.“

Der Columnier: Leitlinien für den öffentlichen Diskurs

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Liebe Debattennehmer und -nehmer!

An diesen Tagen schießen die Meinungen ins Kraut wie Bauern, die sich Borkenkäfern erwehren. Dies ist zu begrüßen, denn Meinungen sind das Salz in der Suppe der Demokratie. Mehr Salz macht Durst auf mehr Suppe. Die versalzene Suppe zieht dann die Notwendigkeit nach sich, noch mehr zu schlucken usw.
Auch geht es völlig in Ordnung, dass wir gerade nicht darüber diskutieren, was wir gegen Nazis tun können, sondern darüber, ob wir Nazihorden Nazihorden nennen dürfen, bloß weil es sich bei den Nazihorden um Nazihorden handelt!
Damit es uns gelingt, liebe Journalistenkollegen, den Ball flach auf dem Boden der Tatsachen zu halten, das niedrige Diskursniveau zu verstetigen, habe ich mir erlaubt, Leitlinien zu formulieren. Die sollen uns alle, auch Sie, liebe Meinungskonsumenten, nachhaltig vor kognitiver Überlastung schützen. Schließlich benötigen wir all unsere intellektuellen Kapazitäten, um in unseren Jobs zu funktionieren und das Hamsterrad in Schwung zu halten.

Ihr Columnier

 

  1. Die Debatte muss rund sein. Eine Debatte, die darauf ausgelegt ist, etwas aus zu diskutieren, schaufelt sich ihr eigenes Grab. Ein zirkulärer Diskurs dagegen kann immer weitergehen. Das Perpetuum mobile, das die Physik nie zustande gebracht hat, hier kann es Wirklichkeit werden.
  2. Der Weg ist das Ziel. Eine Debatte, die sich nicht dem Diktat des Erkenntnisgewinns unterwirft, lässt alle Teilnehmer des Meinungsbattles zu 100% recht haben. Es droht keine gegenseitige Inspiration, jeder wärmt sich gleichermaßen im Kaminfeuer des eigenen Oberstübchens. Wenn das nicht demokratisch ist.
  3. Das Offensichtliche infrage stellen, nicht das Fragliche. Fragliches steht eh schon infrage. Und niemand kann am Ende einer Diskussion objektiv entscheiden, wer richtig liegt. Lieber streitet man über Fakten, damit versorgt man auch die Satiriker. Fakt.
  4. Bekanntes ist besser als Neues. Ob im Kino oder im Polit-Talk, wer möchte schon unbekannte Gesichter sehen? Bei unbekannten Köpfen drohen unbekannte Argumente. Der durchökonomisierte Journalismus unserer Tage erlaubt es gar nicht, neue Argumente herzustellen.
  5. Mutter der Debatte: vereinfachen. In einer überkomplexen Realität kommt es darauf an, Dinge zuzuspitzen, zu vereinfachen und zu banalisieren.  Allem nur eine Ursache zuschreiben, den Urknall, die Migration oder den Umstand, dass wir Beine haben, die uns mobil machen, animiert andere zum Mitdiskutieren. Und es ebnet den Weg für klar definierte Interventionen, z.B. ein allgemeines Messerverbot.  Stichwort wiederum: Suppe löffeln.
  6. Moral ist verboten. Moralisch zu argumentieren ist unredlich. Denn für den einen geht es bei Moral um das Wohl der Menschen, für den anderen um die Freiheit, Menschen für seinen persönlichen Reichtum schuften zu lassen. Für den dritten ist unmoralisch das neue moralisch. Und wer entscheidet darüber, ob es z.B. moralisch ist, die Zivilisation zu verteidigen? Und selbst, wenn sich entscheiden ließe, was „gut“ und was „böse“ ist: Ohne das Böse gäbe es das Gute nicht!