Der Columnier: Integration

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Liebe Deutschende!

Integration ist hart. Schon in der Schule taten Sie sich schwer, Integrale zu lösen. Nicht mal die Funktion haben Sie beim Integrieren verstanden. Doch Integrieren gelingt immer, wenn man es nur numerisch macht. Anachronistischer Witz: umso besser, je größer die Zahlen sind!
Dazu verwendet man nicht die nationale Methode der Kariertheit, sondern das international anerkannte Streifenverfahren. Archimedes war der erste Integrierer. Seine Methode operierte nicht lokal, sondern flächendeckend. Entscheidend für die Praxis: Jede Integration ergibt eine Zahl, die das Ergebnis sogleich bewertet, durchquantifiziert. So steht ein Integral von zwei im Vergleich zu eins für Integration doppelten Ausmaßes. Mehr ist mehr, und noch mehr ist noch mehr! Hätten Sie in der Schule aufgepasst wie ich, wüssten Sie: Integration ergibt immer ein positives Ergebnis (∫f(x)dx > 0)! Für positive (!) Funktionen und ganz egal, wer der Integrand x ist!

Doch manchmal muss über eine zweite Dimension integriert werden, z.B. die der Integrationsskeptiker i. In so einem Fall lautet die Integrationsformel ∫f(x,i) dx di. (i wird „rausintegriert“, zwinker!) Wichtig auch die Qualitätskontrolle: Über die Richtigkeit einer Integration darf nur urteilen, wer selbst niemals Objekt des Integriertwerdenmüssens ist. Denn Prinzip der Neutralität: Nur weiße Männer sind in der Lage, über die Integration schwarzer Frauen zu richten, nur biodeutsche Rumpelfußballer über türkischstämmige Feintechniker, usw.

Zum Abschluss eine Frage an Sie, werte Leser: Haben Sie Ihr persönliches Integrationsziel in Deutschland erreicht? Sind Sie täglich mindestens dreimal rechthaberisch? Haben Sie chronisch miese Laune, brechen Sie zu schwer erkennbaren Anlässen Streit vom Zaun? Oder verurteilen Sie wenigstens die Seenotrettung?

Bestes!
Ihr Columnier

 

Pro und kontra Pro-und-kontra-Debatten

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Liebe Debattennehmende!

Im deutschen Meinungswesen ist ein heftiger Streit entbrannt. Ein Streit, ob es anständig oder unanständig gewesen sei, dass Die Zeit  allen ernstes das Für und Wider der Rettung tausender Menschen im Mittelmeer eruiert hat.

Als Columnier, der sich zur Aufgabe gemacht hat, das jeweilige Debattenniveau, wie schlimm es auch sein möge, noch zu unterbieten, möchte ich nicht herausarbeiten, dass Caterina Lobensteins und Mariam Laus „Seenotrettung oder soll man es lassen“ sachlich äquivalent zu „Pro und kontra Arschlochsein“ ist. Nein, vielmehr möchte ich das Thema künstlich, und ohne dass meinerseits neue Gedanken drohen, auf eine Metaebene heben.
Ein Kollege mag sie von dort auf den Boden der Tatsachen (Meeresgrund, Strand) zurückholen.

Ihr schrecklichst schreibender Columnier

Pro und kontra Pro-und-kontra-Debatten

Pro

  • Es muss gemacht werden.
  • Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes – z.B. einen Genozid.
  • Je alternativloser etwas ist (Menschen ertrinken lassen), umso wichtiger ist es, dennoch aufzuführen, dass die Kontra-Argumente zu kurz greifen.
  • Priming und Framing: Was per „Pro und kontra“-Format als ausgewogen daherkommt, wird in der dezidierten Aussage, auf die es schließlich hinausläuft, viel eher als Pro-Meinung akzeptiert.

Kontra

  • „Pro und kontra“ stellt eine Vorform des brainlastigen Konzepts der „Dialektik“ dar, und Dialektik ist für die Leserschaft überkomplex.
  • „Pro und kontra“ suggeriert, dass die betreffende Frage offen sei. Tatsächlich sind Antworten beliebter als Fragen. Also lieber einfach Antworten und Lösungen  liefern.
  • Kontraargumente reichen aus, denn Widerborstigkeit stärkt die Identität.
  • „Egal, woran Sie glauben, was Sie gut finden, wem Sie vertrauen oder wen sie bewundern – wir sind dagegen!“